Die aktuellen Zahlen des Zensus: 9. Mai 2011 - Stand Mai 2013 - für Wohngebäude
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Shell BDH Hauswärme-Studie 2013 (22. Mai 2013)

Sanierungsstau im Keller!

Shell und der Bundesindustrieverband Deutschland Haus-, Energie- und Umwelttechnik (BDH) haben vor wenigen Tagen die gemeinsame Hauswärme-Studie 2013 vorgestellt, um zu untersuchen, welchen Beitrag der Haushaltssektor zur Energiewende in Deutschland leisten kann. Eine höchst interessante Erhebung, die eindrucksvoll veranschaulicht, wie hoch der aktuelle Sanierungsbedarf in Deutschland wirklich ist, insbesondere in der spezifischen Betrachtung der Hauswärmeversorgung. Einige bezeichnende Aspekte aus der Studie werden nachfolgend vorgestellt:

Leitthema der Studie ist die Weiterentwicklung von häuslicher Wärmeerzeugung durch Heiztechnik und Energie. Der Titel lautet: „Klimaschutz im Wohnungssektor – wie heizen wir morgen? Fakten, Trends und Perspektiven für Heiztechniken bis 2030“.

   

Werden wie bisher nur 1 Prozent aller Wohngebäude pro Jahr energetisch saniert; bleiben in der Folge auch 2030 noch etwa die Hälfte aller Wohngebäude unsaniert. Bei Fortschreibung der aktuellen Modernisierungsrate von Heizanlagen (3 Prozent) wird die Zahl der effizienten Heizungen, wie z.B. Brennwertkessel, bis 2030 von 4,10 auf 10,60 Mio. zunehmen. Alternative Heizsysteme wie Elektro-Wärmepumpe und Holzkessel wachsen überdurchschnittlich. Allerdings entsprechen auch 2030 ca. 7,60 Mio. Heizanlagen noch nicht dem Stand der heutigen Technik.

   

Baulicher Wärmeschutz
Die erste Alternative setzt auf beschleunigte Verbesserung des baulichen Wärmeschutzes (ohne weitere Veränderungen der jeweiligen Heiztechnik gegenüber dem Trendszenario). In der Regel handelt es sich um verbesserte Gebäudedämmung und Fenster im Wohnungsbestand. Im Neubau sind die Standards für den baulichen Wärmeschutz inzwischen so hoch, dass hier nur noch geringe Einsparungen zu erreichen sind; außerdem würde eine weitere Szenario-Variation anhand noch strengerer Neubaustandards auch aufgrund des geringen Neubauanteils bis 2030 nur geringe Auswirkungen haben.

Dagegen können durch baulichen Wärmeschutz im Wohnungsbestand erhebliche weitere Energieeinsparungen erzielt werden; so kann der spezifische Endenergieverbrauch bei gleicher Heiztechnik in vollsanierten Gebäuden oftmals um rund 40 Prozent gegenüber unsanierten gesenkt werden. Die Sanierung des Wohnungsbestandes durch Wärmeschutzmaßnahmen ist jedoch mit hohen Investitionskosten verbunden; bei Ein- und Zweifamilienhäusern sind für einfache Sanierungen der Gebäudehülle gut 40 000 € und bei Vollsanierungen Kosten von rund 70 000 € zu veranschlagen, bei Mehrfamilienhäusern 68 000 € bzw. rund 118 000 €.

Neubau
Ein erster Ansatzpunkt sind Abriss und Neubau von Wohngebäuden. Da jedoch jedes Jahr nur etwa 0,50 Prozent aller Wohnungen neu gebaut wird, und ein Teil davon auch noch in den Zubau von Wohnungen geht, erlaubt der Neubau nur eine sehr allmähliche Verbesserung der Gebäudeeffizienz von Wohnungen. Nur 12 Prozent aller Wohnungen im Jahr 2030 sind Neubauten ab 2011. Entscheidend sind daher die energetische Sanierung von Gebäuden und die Modernisierung von Heizanlagen.

   

Gebäudesanierung
Heute sind rund 85 Prozent der Wohnflächen älter als 23 Jahre; gut drei Viertel aller Wohnungen gelten als unsaniert. Werden weiterhin nur 1 Prozent aller Wohngebäude pro Jahr energetisch saniert, bleiben auch in 2030 noch etwa die Hälfte aller Wohngebäude unsaniert. Energetische Wohnungssanierungen müssen in Zukunft jedoch immer strengere Sanierungsstandards (EnEV 2014/16) erfüllen und wechseln auch immer öfter in den vollsanierten Gebäudeeffizienzstandard.

   

Heizungsmodernisierung
Insgesamt wurden in den letzten Jahren durchschnittlich nur etwa 600 000 bis 700 000 bzw. 3 Prozent aller zentralen Heizanlagen modernisiert – bei allerdings deutlichen Unterschieden je nach Heiztechnik und Energieträger.

Empfehlungen – Was ist zu tun?
Die Hauswärmeszenarien haben gezeigt, dass zurzeit deutlich weniger Wohngebäude energetisch saniert und deutlich weniger Heizungen modernisiert werden, als für die Erreichung der Energiewende-Ziele im Wohnungssektor notwendig wäre. Die folgenden Maßnahmen würden eine Beschleunigung von Sanierung und Modernisierung herbeiführen:

1. Planungssicherheit für Haushalte schaffen
Für langfristige Planungen und Investitionen in Immobilien oder Heizungen sind sichere Rahmenbedingungen eine zentrale Voraussetzung. Bestehende Unsicherheiten müssen ausgeräumt werden – durch die Schaffung realistischer Erwartungen in Energie- und Technikpotenziale ebenso wie durch verlässliche Markt- und Förderbedingungen.

2. Ordnungsrecht (nur) im Neubau einsetzen
Ordnungsrecht (EnEV, EEWärmeG) muss auf den Neubau zielen; denn hier lassen sich vergleichsweise kostengünstig höhere Anforderungen realisieren. Im Gebäudebestand lässt sich Ordnungsrecht nur unzureichend umsetzen (Bestandsschutz, Wirtschaftlichkeitsgebot). Ordnungsrecht, dessen Anforderungen an Sanierungsmaßnahmen gebunden sind, führt eher dazu, dass die entsprechenden Maßnahmen weiter aufgeschoben oder umgangen werden.

3. Ausgewogenen Mix von Heiztechnik und Energien anstreben
Erneuerbare Energien werden deutlich an Bedeutung gewinnen. Gleichwohl werden die fossilen Energieträger Erdgas und Heizöl bis 2030 und darüber hinaus „die“ tragende Rolle in der Hauswärmeversorgung spielen. Häufig werden sie dabei in Kombination mit erneuerbaren Energien eingesetzt und sichern eine verlässliche und stetige Wärmeversorgung (Back-up-Funktion).

   

4. Wirtschaftlichkeit von Kesselmodernisierung hervorheben
Wirtschaftlichkeit ist ein wichtiges Entscheidungskriterium für Sanierungs- und Modernisierungsentscheidungen. Der Austausch alter Heizkessel rechnet sich fast immer. Kurze Amortisationszeiten der Kesselmodernisierung sollten hervorgehoben werden.

5. Energetische Modernisierung mit System
Es besteht eine starke Interdependenz (wechselseitige Abhängigkeit) zwischen Wärmeerzeugung, Wärmeverteilung und Wärmeübergabe. Von allen bei der energetischen Modernisierung tätigen Gewerben ist der Systemgedanke im Sinne der Hebung der Effizienzpotenziale zu beachten und umzusetzen.

6. Verringerte Energiekosten zwischen Mietern und Vermietern teilen
Mehr als die Hälfte aller Wohnungen sind Mietwohnungen. Vermieter profitieren aber nicht direkt von den Energieeinsparungen aus Energieeinsparinvestitionen. Mieter profitieren zwar von energetischen Sanierungen, wollen oder können aber nicht investieren. Für die Überwindung des Vermieter-Mieter-Dilemmas ist entscheidend, ob das Mietrecht erlaubt, die Investitionskosten auf die Miete umzulegen.

7. Investitionen durch zinsvergünstigte Darlehen ermöglichen
Die Modernisierung von Heizanlagen, insbesondere aber die energetische Sanierung von Gebäudehüllen, erfordert hohe Investitionen. Um über die ohnehin fälligen Maßnahmen hinaus Einsparungen zu erzielen, könnten Investitionshilfen oder zinsvergünstigte Darlehen die Sanierungs-/Modernisierungsaktivität steigern. Dadurch werden auch positive Effekte für die Beschäftigung und Wertschöpfung erzielt.

8. Neue Technologien fördern und integrieren
Die Einbindung neuer Technologien wie Mikro- und Mini-KWK, Gas- und Öl-Wärmepumpen sowie Brennstoffzellen erfordert zunächst hohe Investitionen. Neue Technologien sollten in Abhängigkeit von ihrer Effizienz gefördert werden; da mit zunehmender Marktdurchdringung die Kosten sinken, ist die Förderung degressiv auszugestalten und zeitlich zu befristen. Weil es langfristig zu einer immer stärkeren Integration von Verkehrs-, Strom- und (Haus)Wärmesektor kommt, sollte Förderung schon heute auf Systemintegration ausgerichtet sein.

9. Akzeptanz der Verbraucher gewinnen
Verbraucher entscheiden individuell anhand einer ganzen Reihe unterschiedlicher Kriterien, darunter auch Qualität, Haltbarkeit, Komfort und Umweltfreundlichkeit. Anbieter sollten über die Vorteile moderner Heiz- und Gebäudetechnik informieren, die Politik muss realistische Ziele setzen und deren Erfordernisse konsequenter vermitteln – um Verbraucherakzeptanz zu erreichen.

10. Technologieoffenheit
Es gibt keine „beste“ Heiz- oder Gebäudetechnologie, sondern nur jeweils geeignete Technologien und Maßnahmen. Der Staat weiß nicht, wie sich Technologien entwickeln. Ordnungsrecht und Fördermaßnahmen sollten daher möglichst technologieneutral ausgestaltet werden.

Verfasser und Ansprechpartner der Studie – Hamburg, Mai 2013:
- Shell Deutschland (Dr. Jörg Adolf, Uwe Schabla) – www.shell.de
- BDH Bundesinnungsverband Deutschland Haus-, Energie- und Umwelttechnik (Andreas Lücke, Dr. Lothar Breidenbach) – www.bdh-koeln.de
- HWWI – Hamburgisches WeltWirtschafts-Institut (Prof. Dr. Michael Bräuninger, Prof. Dr. Alkis Otto) – www.hwwi.org
- iTG – Institut für Technische Gebäudeausrüstung, Dresden - Forschung und Anwendung GmbH (Prof. Dr. Bert Oschatz, Bettina Mailach) – www.itg-dresden.de
Alle Grafiken stammen aus der Studie!