Trauriger Pleite-Rekord droht (05. 12. 03)
Die Pleitewelle in Deutschland nimmt kein Ende und wird 2004 einen neuen Höchststand erreichen. Der Wirtschaftsauskunftei Creditreform, Neuss, zufolge fehle der Wirtschaftserholung die nötige Kraft, um den seit 1993, außer 1999, an-haltenden Negativtrend stoppen zu können. "Das prognostizierte Wachstum von unter 2 Prozent ist zum Überleben zu wenig", so Helmut Rödl, Chef von Credit-reform, vor wenigen Tagen in Frankfurt am Main. Er rechnet mit 40 000 bis 42 000 Unternehmens-Zusammenbrüchen nach hochgerechneten 39 700 im Jahr 2003. Damit stieg die Insolvenzzahl 2003 im Vergleich zu 2002 um 5,5 Prozent an. 1993, siehe Grafik, wurden lediglich 15 148 Firmeninsolvenzen registriert.

Insbesondere im Mittel-stand sei die finanzielle Situation wegen der zähen Kreditvergabe der Banken, den stark zunehmenden Außenständen und der fehlenden Eigenkapital-decke dramatisch. "Selten war die Lage bei den deutschen Mittelständlern elender als heute." Bei den privaten Pleiten und übrigen Insolvenzen werde es 2004 erneut einen starken An-stieg auf 68 000 bis 70 000 geben.    

Viele Traditionsunternehmen streichen die Segel
Von den Firmeninsolvenzen waren im laufenden Jahr 613 000 Arbeitsplätze be-troffen - fast 4 Prozent mehr. Dabei waren 2003 mehr traditionsreiche Unternehmen betroffen als je zuvor. Ein Drittel der betroffenen Betriebe war älter als zehn Jahre. Während im Westen mit 29 700 fast 12 Prozent mehr Unternehmen den Gang zum Insolvenzrichter antreten mussten, ging in den neuen Bundesländern die Zahl um knapp 10 Prozent auf 10 000 zurück. "Dies liegt aber eher daran, dass im Osten für den Pleitegeier nicht mehr viel zum Fressen da ist", so O-Ton Rödl.

Baubranche am stärksten von Insolvenz bedroht
Im krisengeschüttelten Baugewerbe wurden dagegen - insbesondere durch den Rückgang in Ostdeutschland - 5,5 Prozent weniger Ausfälle registriert. Bei einem Vergleich der Insolvenzen mit den existierenden Betrieben zeige sich jedoch, dass die Baubranche immer noch am stärksten von Pleiten bedroht ist.

Bei den Unternehmensgründungen gab es 2003 dagegen eine positive Entwicklung. 761 000 oder sechs Prozent mehr Betriebe ließen sich in die Handels- und Gewer-beregister eintragen. Nach Abzug der Löschungen verblieb sogar mit 105 000 ein höherer Positivsaldo. Im Bundesländer-Rating liegt Nordrhein- Westfalen an der Spitze gefolgt von Bayern, Baden-Württemberg, Niedersachsen und Hessen.

Fast 100 000 Gesamtinsolvenzen
Bei den Unternehmen mussten 39 700 Betriebe einen Insolvenzantrag stellen (2002: 37 620). Die Zahl der Insolvenzen von Privatpersonen liegt zum zweiten Mal in Folge über denen der Unternehmensinsolvenzen: 60 100 Verbraucher und ehe-mals selbstständig Tätige möchten sich mit dem Insolvenzverfahren entschulden: insgesamt 28,7 Prozent mehr als letztes Jahr.

Die Gesamtschäden, die Unternehmen, Privatpersonen und öffentlicher Hand durch Insolvenzen entstanden sind, summieren sich 2003 auf 40,5 Mrd. Euro. Im Jahr 2002 waren es noch 38,4 Mrd. Euro. Mehr als zwei Drittel der Schäden müssen private Gläubiger hinnehmen: Kreditgeber, Arbeitnehmer und Lieferanten bleiben auf 27,9 Mrd. Euro sitzen. Die öffentliche Hand trifft es mit 12,6 Mrd. Euro.

Immer mehr Privatleute pleite
Bei den Insolvenzen von Privatpersonen liegen die Steigerungsraten im Osten aller-dings höher als im Westen: Um 34,7 Prozent auf 13 900 Fälle stieg die Zahl im Osten - in den alten Bundesländern beantragten 46 200 Personen eine Insolvenz - 27 Prozent mehr als 2002.
Die Finanzsituation von Privatpersonen verschlechtert sich in Deutschland konti-nuierlich. Im ersten Halbjahr 2003 stellten 13 700 Verbraucher einen Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens; 48,9 Prozent mehr als im ersten Halbjahr 2002. Die Insolvenzentwicklung ist aber nur die Spitze des Eisbergs. Über 2,9 Millionen Personen sind mittlerweile in Deutschland überschuldet.
Mit anderen Worten ausgedrückt: Bei mehr als 7 Prozent der deutschen Haushalte decken die regelmäßigen Einnahmen die regelmäßigen Ausgaben nicht mehr - die Tendenz ist weiter steigend.