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Fotos:
Minh Lee
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Taipei
im Höhenrausch (26. 10. 03)
Trotz aller Widrigkeiten und Sicherheitsbedenken ließen sich die
Verantwortlichen nicht zu einem vorzeitigen Baustopp bewegen, geschweige
denn von ihrem kühnen Ziel, das höchste Gebäude der Welt
zu errichten, abbringen. Wenn man beispiels-weise nur an die unzähligen
Erdbeben denkt: Ein Tag ohne Erdstöße in dieser Pazifik-Region,
lässt den Alltag bereits als langweilig erscheinen. Oder die gewal-tigen
Taifune, die mit einer Spitzengeschwindigkeit von bis zu 200 Stundenkilo-metern
über die Stadt fegen. Oder an das sumpfige Schwemmland erinnert,
das eine funktionierende Gründung erst ab über 60 Meter Tiefe,
wo man auf Fels trifft, möglich erscheinen lässt. Und nicht
zuletzt seit dem 11. September 2001, wo die real existierende Bedrohung
durch Terrorattacken einzukalkulierende Lastannahme darstellt. Alles zusammen
keine triftigen Gründe, die Arbeiten einzustellen.
Das
mit 508 Metern höchste Bürogebäude, das Taipei Financial
Center, so die offizielle Bezeichnung, ist seit wenigen Tagen zumindest
von außen fertig. Vor we-nigen Tagen wurde nur noch eine 60 Meter
hohe Mastantenne an der Turmspitze angebracht. Die 101 Stockwerke geben
dem imposanten Koloss, der einem Bam-busspross nachempfunden ist, im Volksmund
den Namen "Taipeh 101". Der In-nenausbau wird allerdings noch
einige Monate in Anspruch nehmen, bevor 2004 mit der endgültigen
Fertigstellung zu rechnen ist.
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Der
Schwingungsdämpfer
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Bauphase:
am 31. März 2002
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Modelsimulation
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Größenwahn
oder Verantwortungslosigkeit
Angesichts
dieser Superlative muss die Frage des Experten erlaubt sein: Haben wir
es hier mit Größenwahn oder Verantwortungslosigkeit gegenüber
seinen zu-künftigen Nutzern zu tun? Oder beherrschen Bauexperten
heutzutage all diese toll-kühnen Lastannahmen? Wer will und kann
darauf schon eine verlässliche Antwort geben. Klaffen hier nicht
die Wunschvorstellungen aus der Simulation am Modell und die Wirklichkeit
weit auseinander? Die Zeit, in der das Gebäude allen Unbilden trotzt,
wird es letztendlich beweißen.
Zumindest
ist der Chef-Statiker Shaw Shieh unverblümt davon überzeugt,
dass selbst ein Flugzeug, das mit dem Turm kollidiert, das Gebäude
nicht stark be-schädigen
würde. Denn vollmundig posaunt er in die Mikrofone: "Unsere
Konstruk-tion würde auch bei einem großen Feuer, verursacht
durch das Kerosin eines Flug-zeuges, viel länger halten als beim
World Trade Center. Unsere Stahlplatten sind wesentlich dicker und auch
größer, und sie sind mit dem widerstandsfähigsten Beton
gefüllt."
Ursprünglich
viel niedriger geplant
1997, am Beginn der Planung, war man von 66 Stockwerken ausgegangen. Wie
das Planungsszenario aber so spielt, verwarf man die anfänglichen
Gedanken sehr schnell. Die Börse Taiwan wollte unbedingt mit ins
Prestige-Gebäude, so dass man einfach mal so 22 Stockwerke draufsetzte:
die neue Höhe 422 Meter. Im Januar 1999 wurden diese Pläne abermals
verworfen. Erstmals vom Rekordgedan-ken getragen, wurde das Gebäude
vom Architektenteam C.Y. Lee & Partners für 101 Stockwerke und
508 Meter Höhe neu ausgelegt und letztendlich mit dem Bau noch im
selben Jahr begonnen.
So wurde das bisher höchste Gebäude der Welt, die Petronas-Zwillingstürme
in Kuala Lumpur, der Hauptstadt Malaysias, mit 452 Metern, durch den "Taipeh
101" in nur vier Jahren Bauzeit um 56 Meter übertroffen.
In
Rekordgeschwindigkeit nach oben
Die Aufzüge stellen immer auch eine besondere Planungsgröße
bei der Errichtung eines Wolkenkratzers dar. Besonders bei so einer Wahnsinnshöhe.
Wen wundert es da, dass die 101 Stockwerke mit den schnellsten Aufzügen
der Welt erreicht werden. Eine Fahrt vom Erdgeschoss in die 89. Etage,
zwei Etagen unter der Aus-sichtsplattform im 91. Stockwerk, dauert gerade
einmal 39 Sekunden.
Stahl,
Glas, Aluminium und Beton vorherrschend
Nach der Fertigstellung des Innenausbaus im Jahre 2004 wird das Gebäude
ein Einkaufscenter, das bereits am 14. November diesen Jahres eröffnet
werden soll, die Börse und Büros für 12 000 Menschen beherbergen.
Insgesamt wurden 60 000 Tonnen Stahl, 5 360 km Telefonkabel und 100 km
Wasserleitungen verbaut.
Neben den bereits angesprochenen Aufzügen gilt vor allem der Fassade
ein großes Augenmerk, da diese die extrem hohen Wind und Regenlasten
aufnehmen muss, ohne größeren Schaden zu nehmen. Die Josef
Gartner GmbH aus dem bayeri-schen Gundelfingen erhielt den Auftrag, die
Fassade des neuen Giganten zu fer-tigen. Als einer der führenden
Fassadenhersteller arbeitete die Firma bereits erfolg-reich am vierthöchsten
Gebäude der Welt, dem Jin Mao Building (421 Meter hoch) in Shanghai,
China.
Bis zum Jahr 2004 soll die Fassade aus Glas und Aluminium fertig montiert
sein. 17 000 Fassadenelemente werden dann als deutsche Präzisionsarbeit
in den asiatischen Himmel ragen.
Höchst
mögliche Sicherheit angestrebt
Der Stahl-Riese steht auf sumpfigen Schwemmland. Erst in einer Tiefe von
60 Metern trifft man auf Felsgestein. 550 Pfeiler wurden so 80 Meter tief
in den Unter-grund gerammt. An den Außenseiten stabilisieren acht
Supersäulen den Büroturm. Diese Stahlpfeiler sind zweieinhalb
mal drei Meter stark. Sie ziehen sich sozu-sagen von Stockwerk zu Stockwerk
von unten nach oben - zusätzlich vollgepumpt mit rund 25 000 Kubikmeter
Schwerbeton.
Da der Wolkenkratzer die stärksten Erdbeben, die je gemessen wurden,
stand-halten soll, ergaben Simulationsmessungen Schwankungen von über
einen Meter an der Turmspitze. Die Stahlkonstruktion wird sich biegen
wie ein Bambus im Wind, frohlocken die Erbauer, ohne größeren
Schaden anzurichten. (Einwurf: Bei Erdstößen am 31. März
2002 kamen zahlreiche Menschen zu Tode, weil ein Kran abstürzte)
Darüber hinaus bringen hierzulande unvorstellbare Orkanböen
das Gebäude zum Schwanken. Ein so genannter Schwingungsdämpfer
soll das Problem lösen helfen. Im 88. Stockwerk wurde ein 1,5 Tonnen
schweres Stahlseil befestigt. Insgesamt acht Stahlseile halten eine riesige
Stahlkugel, die zwei Etagen tiefer frei hängt. Sie wiegt 660 Tonnen.
Eine Art Konter- oder Gegengewicht soll den Turm stabilisieren und die
erwarteten Schwankungen ausgleichen. Es ist der größte Schwingungs-dämpfer,
der jemals gebaut wurde.
Wenn ein Taifun den Turm zum Schwanken bringt, schwingt die Kugel im Gegen-takt
und hält so das Hochhaus im Lot. Acht hydraulische Zylinder sollen
verhin-dern, dass die Kugel bei einem Erdbeben wie eine Abrissbirne gegen
die Wände schlägt. Das graue Kugelmonstrum soll nach der Fertigstellung
vergoldet werden und als zusätzliche Touristenattraktion zu bestaunen
sein. Heutzutage sind in Hochhäusern mit mehr als 70 Etagen Schwingungsdämpfer
als normal anzusehen.
Nach dem 11. September 2001 dachte man in Taipei nur kurz darüber
nach, den Wolkenkratzer doch nicht zum höchsten Haus der Welt zu
machen. Der Gedanke wurde allerdings schnell verworfen. Man war sich ziemlich
sicher, dass die mit 18 Millimeter Stahlplatten versehenen Mega-Säulen
den extremsten Belastungen standhalten. Obendrein wurden alle Stahlträger
mit feuerfestem Schaum versehen. Schließlich hatte die große
Hitzeeinwirkung von über 1 000 Grad Celsius, hervor-gerufen durch
das Kerosin, zum extrem schnellen Einsturz der Twin-Towers in Lower Manhattan
geführt.
Wettlauf
um die Rekordhöhen
"Taipeh 101" wird den Titel als höchstes Gebäude der
Welt natürlich nicht lange innehaben. Das Shanghai Financial Center
in China soll noch höher sein, wenn es 2007 eröffnet wird. Zu
den höchsten Gebäuden der Welt gehören neben "Taipeh
101" und den Petronas-Zwillingstürmen (452 Meter) außerdem
der Sears Tower in Chicago mit 442 Metern und das 381 Meter hohe Empire
State Building in New York. Die beim Terroranschlag vom 11. September
2001 zerstörten Zwillingstürme des World Trade Center waren
417 Meter der Nordturm und 415 Meter der Südturm hoch. Die höchsten
Wolkenkratzer in Westeuropa sind das Frankfurter Commerz-bank-Gebäude
mit 259 Metern und der Messeturm der Banken-Metropole mit 257 Metern.
Natürlich
geht eine unbeschreibliche Faszination von diesen Himmelsstür-mern
aus. Verbirgt sich doch eine wahre Meisterleistung der menschlichen Bau-kunst
dahinter. Jeder Bauexperte schnalzt mit der Zunge. Doch was sagen die
Nutzer und Besucher dieser Gigantomanie? Stellen Sie sich einmal vor,
Sie befin-den sich in der 91. Etage, wo sich die Aussichtsplattform befindet,
und bestellen sich genussvoll einen Whisky, um die eindrucksvolle Aussicht
zu genießen, und plötzlich fängt die Erde an zu beben.
Ich glaube, so viel kann man gar nicht trinken, um dieses Erlebnis beschreiben
zu können.
Dipl.-Ing. (FH) Uwe Morchutt
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