Schulden durch Versicherung (27. 05. 03)
Wer Mitte der 90er Jahre eine "Kapitalbildende Lebensversicherung" zur Finanzierung einer Immobilie abgeschlossen hat, also in einer Hochzinsphase, wird auf Grund der Zinsentwicklung seinen Augen nicht mehr trauen, wirft er gelegentlich einen Blick auf seine Rendite. Mehr noch: Er befindet sich auf den besten Weg, in eine enorme Schuldenfalle zu tappen. Was sollte der Betroffene sofort unternehmen?

Jeder zweite Bundesbürger, rd. 58 Prozent, ist im Besitz einer oder mehrerer Lebensversicherungsverträge. Ca. 15 Prozent des gesamten Geldvermögens privater Haushalte werden in Lebensversicherungspolicen investiert. Die gute alte Lebensversicherung ist neben dem Sparbuch und dem Bausparen die beliebteste Anlageform der Deutschen. Insbesondere seit dem Börsenabsturz. Rund sieben Millionen neue Lebensversicherungen werden jährlich abgeschlossen. Spricht der Experte von Lebensversicherung, dann denkt er in erster Linie an die "Kapitalbildende Lebensversicherung auf den Todes- und Erlebensfall", die über 90 Prozent des Bestandes ausmacht. Soweit die nüchternen Fakten.

Jeder Kenner der Szene weiß, dass der Versicherungsverkäufer von der Provision lebt. Die beste und höchste Provision bekommt er durch den Abschluss einer Lebensversicherung. Der Versicherungsnehmer muss diese Provision natürlich bezahlen. Der Rückkaufswert (Kostenanteil) einer abgeschlossen Lebensversicherung ist deshalb in den ersten Jahren fast Null. Weil ja die Provision erwirtschaftet werden muss.

Was nicht jeder weiß, der Beitrag einer Lebensversicherung setzt sich aus drei Elementen zusammen. Einem Risikoanteil (für den Falle des Todes), einem Sparanteil (Garantie- oder Rechnungszins für den Erlebensfall) und einem Kostenanteil (unternehmenseigenen Kostenrechnung, z.B. Provision, Verwaltung, etc.).

Ein ernsthaftes Problem, dass seit einigen Jahren zu verzeichnen ist, ist die immer geringer werdende Rendite. Da Versicherer das Kapital ihrer Versicherungsnehmer an den Kapitalmärkten erwirtschaften wollen und müssen, ist mit dem anhaltenden Börsentief der Druck auf so manchen Versicherer exorbitant gestiegen.
Fast alle Versicherer haben somit ein Problem: Abschreibungen, höhere Deckungsrückstellungen und Kapitalerhöhungen, also frisches Geld, sind neben sinkenden Aktienkursen nur einige Folgen dieser negativen Entwicklung.
Geringere Überschussbeteiligungen (freiwillige Zusage der Versicherer), die erst kürzlich von nahezu allen Versicherern gesenkt wurden, und ein geringerer Garantiezins (Rechnungszins) sind die spürbaren Folgen für jeden Versicherungs-nehmer.
Einfach ausgedrückt: Die Lebensversicherung, hier ist der Sparanteil gemeint, bringt nicht mehr das, was man einmal vollmundig versprochen bekommen hat.

Das Bundes-aufsichtsamt für Versiche-rungswesen (BAV) plant zum 1. Januar 2004 den Ga-rantiezins von 3,25 auf 2,75 Prozent zu senken.
Quelle: eigene Statistik


An das viel gepriesene, sorgenfreie Leben im Alter, wie es unzählige Werbebotschaften nach wie vor in Hochglanzformaten vorgaukeln, ist im Moment nicht zu denken. Erst wenn die Zinsen wieder steigen, wovon natürlich alle ausgehen, steigen auch wieder die Anreize für die Lebensversicherung. Der neue Garantiezins gilt dann für Verträge ab 1. Januar 2004, sofern die geplante Senkung erfolgt.

Besonders verärgert und enttäuscht werden diejenigen Versicherungsnehmer sein, die mittels einer Lebensversicherung ihre eigenen vier Wände finanziert haben. Zehntausende Hausbesitzer fürchten nun um ihr Hab und Gut, weil sich eine enorme Finanzierungslücke aufgetan hat, die bis zu einem Drittel ausmachen kann. Jeder Betroffene sollte sich deshalb so schnell wie möglich, falls er es noch nicht getan hat, mit seinem Versicherer in Verbindung setzen, um die Finan-zierungslücke und die aktuellen Zahlen zu erfahren. Beratungsfehler und -lücken beim Abschluss sollten genauestens überprüft werden, um eventuell dagegen vor-gehen zu können. Hier sollte man sich Rat bei Profis (z.B. Verbraucherberatung, unabhängige Finanzexperten) einholen, um die Vorgehensstrategie festzulegen. Die entstandene Finanzierungslücke gilt es irgendwie auszugleichen. Hier kommt oftmals nur eine direkte Tilgung, wenn man es sich leisten kann, in Frage.

Geldwerter Tipp: Jedem Bauherrn oder Hausbesitzer ist anzuraten, sich möglichst schnell von seinem Versicherer ins Bild setzen zu lassen, damit das böse Erwachen, sprich der Ernstfall, nicht eintritt. Der Ernstfall ist leider allzu oft die Aufgabe der Immobilie. Bitte, lassen Sie es nicht soweit kommen!
Uwe Morchutt